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Buchkritik Sueddeutsche Zeitung

Wir in der Zeiten Zwiespalt

Aus den Vierzigern: Ernst Kreneks Erinnerungen an die Moderne

„Diese Aufzeichnungen sind von der Besorgnis diktiert, daß die Erinnerung an bestimmte Dinge für immer verloren sein könnte, wenn ich sie nicht schriftlich festhalte." Mitten im Krieg, im amerikanischen Exil, 1942 beginnt Ernst Krenek, auf englisch, mit dem Niederschrift seiner Memoirs, in denen er sein Leben auf der Flucht aus Europa ab 1933 nachzeichnet. Zehn Jahre lang schreibt er und auf tausend Seiten mit Gleichmut und oft voller Selbstironie „festhalten", was er erlebt und durchlitten hatte in einem Jahrhundert, das so alt war wie er.

„Diese unzähligen Ereignisse, die jeden der fünfzehnhundert Millionen Menschen auf dieser Erde in jeder Sekunde treffen und nichts, wenn wir sie nicht erinnern." Den Menschen, die Ereignisse hervorbringen (oder die von ihnen ergriffen, mitgerissen, überrollt werden), gelten Ernst Kreneks „Erinnerungen". Was der Österreicher tschechischer Herkunft sich vornahm, hat wahrhaft proustische Dimensionen, nämlich die Suche nach einer „verlorenen Zeit", nach jenem im Krieg untergehenden alten Europa, das Krenek seinen (zunächst amerikanischen) Lesern zeigen und erzählen wollte, vor allem aber die Suche nach dem „Lebensmuster", jenem unsichtbaren Zusammenhang von Zu- und Abneigungen, Möglich- und Unmöglichkeiten eines Lebens, das sich in deutender Erinnerung selbst auf die Spur kommt. Eine radikale, offene Haltung, die den Leser ins Vertrauen zieht, ihm zum bewussten, nachfühlenden Mitwisser macht.

„Beruf: Komponist und Schriftsteller" vermerkt Ernst Krenek noch als Achzigjähriger in einem kurzen „Protokoll" zur eigenen Person. Literarisches Schreiben muß für ihn glühenden (und bis zur Selbstverleugnung treuen) Bewunderern von Karl Kraus als Nebenbeschäftigung sein. Krenek war Autor nicht nur musiktheoretischer Studien und eigener Operlibretti, sondern jahrelang Mitarbeiter der Frankfurter Zeitung, später der Wiener Zeitung, er verfaßte Buchrezensionen (etwa zu Thomas Manns Joseph-Roman), satirische Glossen und Essays, schrieb Gedichte und Lieder von Kalibrationen (Gegen die korrupten Verhältnisse der Wiener Musikkritik gründete er 1932 mit Alban Berg die Zeitschrift Dreiundzwanzig, die bis zu Kreneks Exil erschien.) In seinen „Erinnerungen" verfolgt Krenek detailliert – an manchen Stellen ausufernder genau, spröde, doch nie ermüdend – die Spuren der Ereignisse, Begegnungen, Reisen, legt Rechenschaft ab über seine Begabungen – und hadert mit sich selbst, das Eisen des Erfolgs nicht zum rechten Zeitpunkt geschmiedet zu haben.

Ein zweiter Mahler

Komposition und Notenschreiben fielen ihm immer leicht – der hochbegabte frühreife junge Mann, Schüler des Komponisten Franz Schreker, löste mit 21 Jahren eine kleine Sensation in Berlin aus mit seinem ersten (an Beethoven angelehnten) Streichquartett Opus 6. Krenek hatte es als Schreker vorbei ins Programm geschmuggelt. Für ihn bedeutete es die „Befreiung" aus dem beengenden Lehrer-Schüler-Verhältnis, Tochter, die „Abwendung von der spätromantischen Schreibweise meines Lehrers" und Annäherung an die „freie" Atonalität Arnold Schönbergs.

Der junge Ernst Krenek hatte den Ehrgeiz (wie der reife Mann nicht ohne Spott vermerkt), ein „zweiter Mahler" zu werden. In die Zeit der ersten Erfolge fällt seltsamerweise mit dessen Tochter Anna. Mutter Alma (sie lebte schon mit Franz Werfel zusammen) schildert er als gefräßige, herrschsüchtige Meduse, der jedes Mittel (am liebsten Sex und gutes Essen) recht gewesen sei, um Menschen zu verführen, Macht über sie zu bekommen. Anna war das Opfer solcher Egozentrik. Mit ihr lebt Krenek einige Jahre zusammen; musikalisch heiratete er 1924, was der Schweizer Mäzen Werner Reinhart als Bedingung für ein großzügiges Zwei-Jahres-Stipendium die Legalisierung des „liederlichen" Verhältnisses fordert.

Eine „one-man-history of 20th century music" hat man Krenek Spähter in Amerika genannt. Die „Erinnerungen" zeugen von seinen Wanderungen durch die musikalischen Welten und Stile: Impressionistische Spätromantik und Atonalität, „Unterhaltungskunst" mit Jazzelementen, Dodekaphonie und Neue Sachlichkeit, Neoklassizismus und Serialismus, nach dem Krieg auch Experimente mit elektronischer Musik und Aleatorik. Krenek arbeitete im elektronischen Studio in Köln und unterrichtete bei den Ferienkursen in Darmstadt; er suchte Verbindung zur jungen Generation, Boulez, Ligeti und Stockhausen. Intellektuelle Neugier und musikalische Entdeckerlust trieben Krenek ein Leben lang vorwärts. 240 Werke umfaßt sein Œuvre, es enthält alle musikalischen Genres. Schönberg und sein Kreis forderten ihn künstlerisch und intellektuell am stärksten heraus, er bewunderte ihren Einsatz. Gleichzeitig aber stand Krenek, der ganz Europa nahe mit den bedeutenden Musikern, Komponisten, Schriftstellern und Dichtern seiner Jahrzehnte temperamentvoll bezeugt, mit beiden Beinen im musikalischen Leben der Zeit: Er interessierte sich für Kulturpolitik, kämpfte für die Urheberrechte der Komponisten und für die Ziele der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik, er besuchte und beriet kulturellen Zentren: Donaueschingen, Florenz, Venedig.

Kreneks „Erinnerungen" gleichen einer Kulturgeschichte dieses Jahrhunderts, zwischen Wien und Berlin, in allen Musikzentren Europas – wahrlich geschrieben „Im Atem der Zeit". Kreneks späteres Leben, bis zu seinem Tod 1991 in Palm Springs, lag in Amerika. Man liest jetzt auch die Übersetzung der Amerikanischen Tagebücher des Komponisten und musikalischen Kosmopoliten Ernst Krenek.

BETTINA EHRHARDT

ERNST KRENEK: Im Atem der Zeit. Erinnerungen an die Moderne. Aus dem amerik. Englisch von Friedrich Saathen, rev. von Sabine Schulte. Hoffmann und Campe, Hamburg 1998, 1022 S., 98 Mark.