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Buchkritik Sueddeutsche Zeitung

Maria und das Meer

Susanne Kaisers zweiter empfindsamer Roman

Der Roman beginnt mit einem Seufzer, „Ach", dem Vorboten von Verlust: „Ach was für ein köstliches Lüftchen wehte doch oftmals durch Straßen und Gassen, wenn das Meer seinen frischen Atem über die Stadt blies." Die Geschichte spielt unter satten Bürgersleuten der Belle époque – „Das alte Jahrhundert ging gerade zu Ende, und die großen Kriege des kommenden lagen noch in der Ferne" – zu einer Zeit, da das Wünschen noch geholfen hat: Anna und Martin fehlt zu ihrem Glück nichts als ein Kind, ein Kind, das zu ihnen kommen wird, prophezeit ein Weiser, wenn sie ein Schiff zu seinem Empfang bauen. „Albatros" soll es heißen und schon hat die Sehnsucht einen Namen.

Das Kind, ein Mädchen namens Maria, wird geboren. Es wächst zu einer eigenwilligen jungen Frau heran, die die Eltern nach allen Regeln der Gesellschaftskunst ins enge Korsett des Schicksals geschnürt haben. Aus purer Besorgnis verbieten sie ihr zu segeln, zerstören eine Passion. Wie schon Gwendolyn, die „Drachenfrau" aus Susanne Kaisers erstem „Märchenroman" über die Tücken des Erwachsenwerdens, so muß auch Maria sich unter Schmerzen zurückbesinnen auf den Wagemut der Kinderzeit, um ihre Depression zu besiegen. Inzwischen hat sie zwei Kinder, von Daniel, dem geliebten, um einiges älteren Mann, der zum Glück Verständnis für sein „Vögelchen" zeigt. Er schickt Maria aufs Meer, auf große Fahrt mit der „Albatros".

Die Fremdheit einer künstlerisch begabten Frau in einer geistig anspruchslosen Überflußgesellschaft, die Sehnsucht nach Befreiung und Unabhängigkeit, die Wut auf die Eltern, der langsame Prozeß der Individuation – in immer neuen Episoden werden Themen und Stationen eines überschwenglich beschriebenen, empfindsamen Frauenlebens variiert. Der hochfliegende Stil erscheint den Stimmungen der fragilen Heldin angeglichen zu sein. Die Autorin frönt ihrer Lust an betont altmodischen Wendungen und aparten Adjektivkombinationen. Die Figuren sind „vergnügt" oder „tief betroffen", Maria fliegt „unter den geblähten Segeln der Albatros über das glitzernde Wasser", sie „schwebte in unbekannten Weiten", „zitterte vor Ungeduld", das Herz wird ihr „tonnenschwer", sie fühlt sich „pudelwohl" …

Immer wieder kehrt Maria zum Meer zurück, ihrem Element, meistens allein, manchmal auch mit der Familie. Von ihrer Autorin mit den wesentlichen Gaben Jugend, Schönheit und Reichtum, mit Verstand und Herz ausgestattet, werden ihr die Helfer zuteil, die das Schicksal auf dem Meer für sie bereithielt: Da ist Meister Johann, der Schiffsbauer, sind jene sechs „Schwanenbrüder", die eine Yacht wie die ihre besitzen, stolze Schiffe mit eigener Seele (die kleine Jolle auf dem Cover nimmt sich da etwas ärmlich aus). Einer von ihnen, Beny, ist der ferne Nachkomme jener Gwendolyn, „des glücklichen, schönen Drachenmädchens", dem Hans aus dem ersten Buch sein Glück verdankte. Maria schafft sich auf dem Meer ein zweites Leben – sie verbindet, was unvereinbar erschien, Familienglück und Freiheit. Und davon profitieren natürlich auch die Daheimgebliebenen. Am spannendsten, auch sprachlich, ist der Roman dort, wo Maria allein und auf sich gestellt, „ihr eigentliches, ihr wahres Ich" erlebt.

Am Ende erfährt Maria im Haus der steinreichen Tante Miranda die Erfüllung eines Traums: Mit Fernando, einem heiteren Argentinier – das Abbild ihres leiblichen Großvaters – wird ein Familienmythos befriedet, die Sehnsucht nach dem ganz anderen. Mit ihm erlebt Maria ein befreiendes Liebesabenteuer, in dessen Einzelheiten sich die Erzählerin allerdings nicht hineinbegibt. Maria und ihr Schiff, ihr Alter ego, kehren in den Hafen zurück. Sie ist jetzt 33 und wird noch oft mit ihrer „Albatros" die Freiheit des Meeres suchen.

BETTINA EHRHARDT

SUSANNE KAISER: Auf Albatros Schwingen. Roman. Kindler Verlag. München 1997. 238 Seiten, 34,90 Mark.