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Buchkritik Sueddeutsche Zeitung

In der Wortfalle

Nord oder Süd - die Erinnerungen von Ariel Dorfman

„The dead cornered him, they haunted him into being judged …", sagte der chilenische Schriftsteller Ariel Dorfman im Gespräch: die Toten haben Augusto Pinochet in die Enge getrieben, suchen ihn heim, bis er gerichtet wird.

Dass der Diktator in seinem Londoner Exil sich nun mit einem drohenden Prozess konfrontiert sieht, gibt den vergessenen und verleugneten Toten Chiles ihre Würde zurück. Lieber wäre es Dorfman, Pinochet müsste sich im Land selbst verantworten. Aber bis dahin, fürchtet er, ist der Weg noch weit – zu viele Chilenen verknüpften bis heute ihre Werte und Empfindungen, ihre Identität mit Pinochets Propaganda.

Gerade deshalb sei Pinochets Verhaftung auch „ein Sieg der Worte. Unsere Worte nagelten ihn fest. Sie sprachen aus, was er war und schließlich gelang es ihm nicht mehr, das Netz aus Wörtern zu entkommen, das wir um ihn gewoben hatten". Dorfmans Romane, Gedichte und Theaterstücke, seine Essays und Zeitungsartikel waren Teil „jener Wortfalle". Auch seine Autobiografie: „Kurs nach Süden, Blick nach Norden. Leben zwischen zwei Welten" – sie erschien in Amerika wenige Monate vor Pinochets Verhaftung.

Der Lebensrückblick ist spiegelbildlich um eine (auch persönliche) Katastrophe herum angeordnet: Pinochets Putsch gegen den gewählten Präsidenten Salvador Allende, am 11. September 1973 in Santiago de Chile, als der Moneda-Palast bombardiert wurde und Allende sich das Leben nahm. Auf die Ereignisse der darauf folgenden Stunden, Tage und Wochen – und mit ihnen wie in einer musikalischen Engführung verwoben – bewegen sich die Erinnerungen der früheren Jahre zu, auf sie wird Dorfmans Leben bezogen bleiben. „Eigentlich dürfte ich gar nicht mehr hier sein und diese Geschichte erzählen. Denn es gibt einen Tag in meiner Vergangenheit, einen Tag vor vielen Jahren in Santiago de Chile, an dem ich hätte sterben sollen." Weil ein Freund an Dorfmans Stelle die Wache in Allendes bedrotem Palast übernahm, überlebte er selbst, der Freund wurde ermordet.

Dorfmans Geschichte ist von Anfang an von Verlust und von Exil geprägt. Er ist kaum ein Jahr alt, da fliehen die Eltern, argentinische Juden russischer Abstammung, vor Argentiniens Generälen in die USA, zehn Jahre später – der Vater ist marxistischer Universitätsprofessor und Mitarbeiter der Vereinten Nationen in New York – entkommt die Familie vor den Gehilfen McCarthys nach Chile. Pinochets Putsch vertreibt Dorfman mit Frau und Kind nach Europa. Heute lebt er wieder in den USA, lehrt Literatur an der Duke University, North Carolina.

Fast notgedrungen wurde Dorfman zum Schriftsteller – das Ringen um Ausdruck in den zwei Sprachen, die jahrelang um „meine Zunge stritten", stürzte ihn in Identitätskrisen. Als der kleine Junge in den Vereinigten Staaten einige Monate im Krankenhaus und fern der Eltern in einer Pflegefamilie zubringen muss, verweigert er fortan die spanische Sprache, lernt die Muttersprache erst Jahre später in Chile mühevoll neu – wie eine Fremdsprache.

Während der Studienzeit in Santiago verschweigt er dagegen seine Jugend in den USA – amerikanisch wird für ihn zum Synonym für alles, was in Chile den Fortschritt hemmt. „Para leer al pato Donald. How to Read Donald Duck" hieß eine Streitschrift gegen die Übermacht des „Nordens", „eine tief schürfende Interpretation von Disney-Comics aus der Perspektive der Dritten Welt", die in ganz Südamerika berühmt wurde. (Pinochets Anhänger warfen sie 1973 ins Feuer einer Bücherverbrennung.) Erst viele Jahre später verbinden sich beide Identitäten zur Einheit.

Die drei Regierungsjahre Allendes und der Unidad Popular bedeuteten für den damals knapp Dreißigjährigen die Verwirklichung einer Utopie von Freiheit und Selbstbestimmung, von humanistischen Bildungsidealen über Klassen- und Kulturgrenzen hinweg. Während der letzten Monate arbeitet Dorfman als Kultur- und Medienberater von Allendes Stabschef Fernando Flores. Nach dem Putsch versteckt er sich in einem Schuppen am Rande der Stadt – und findet dort die Pfennigausgabe von Klassikern der Weltliteratur, die er selbst mit herausgegeben hatte.

Schon als Kind wird Dorfman Stellungnahme abverlangt: Da zeigt die Lehrerin an der amerikanischen Grundschule den Kindern zwei Äpfel, einen reifen und einen verfaulten: So sind Amerikaner und so Kommunisten. Kurz darauf werden Julius und Ethel Rosenberg, Freunde von Dorfmans Eltern, als russische Spione verhaftet, später hingerichtet. Der achtjährige Ariel (der damals noch mit seinem ersten Namen Vladimiro, Hommage seiner Eltern an Lenin, gerufen wird) möchte gern ein echter Amerikaner sein. „Ich erzähle meiner Lehrerin, dass du ein Kommunist bis", droht er dem Vater im Zorn. „Als ich nach Hause kam, wartete meine Mutter schon auf mich. Sie hatte den ganzen Tag gewartet. Ich sagte ihr, dass ich niemandem ein Sterbenswörtchen von meinem Vater erzählt hatte. Sie nahm mich in den Arm und sagte, ich sei ein guter Junge. Und erwähnte die Sache nie wieder. Nicht ein einziges Mal."

Allendes letzte Worte aus der Moneda hört Dorfman zusammen mit seiner chilenischen Frau Angélica, ihr sind die Erinnerungen gewidmet. Die Gründe von Allendes Scheitern sucht er nicht nur in der Einmischung des CIA und amerikanischer Wirtschafts-Sabotage, sondern vor allem auch bei der Linken. Sie haben den Dialog mit der Rechten versäumt, war gefangen in den „Mängeln unserer Vision", voller Blindheit „nicht nur gegenüber der bevorstehenden Katastrophe, sondern auch gegenüber unseren eigenen Fehlern, mit denen wir dieser Katastrophe den Weg geebnet hatten".

Inzwischen werden auch in Chile Offiziere Pinochets angeklagt, öffnen sich in Amerika die Archive. „Kurs nach Süden, Blick nach Norden" ist ein Bestseller im Land. Auch Dorfmans andere Bücher wurden veröffentlicht. Polanskis Dorfman-Verfilmung Film „Der Tod und das Mädchen" war besonders als Video erfolgreich. Die Leute wollen die Geschichte sehen – aber dabei nicht gesehen werden.

BETTINA EHRHARDT

ARIEL DORFMAN: Kurs nach Süden, Blick nach Norden. Leben zwischen zwei Welten. Deutsch. von Gabriele Gockel, Barbara Reitz und Maria Zybak. Europa Verlag, München 1999. 384 S., 46 Mark.