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Buchkritik Sueddeutsche Zeitung

Die Wunde schließt sich nie

Genitalverstümmelung: Zwei Frauen aus Afrika berichten

Seit Wochen liegt das Buch an der Spitze der deutschen Bestseller: Offenbar trifft die Somalierin Waris Dirie mit ihrer Autobiographie Wüstenblume den Nerv der Zeit. Wüstenblume, übersetzt, ihr Vorname, und ihr Buch ist eine gelebte Geschichte voll Grausamkeit und Glamour – Waris Dirie gehört zu den Topmodels der Welt. Ihr ebenmäßig schönes Gesicht (ver-)birgt schreckliche Erinnerungen, die gleichmütig blickenden Augen, in denen der englische Hoffotograph Terence Donovan „die Unendlichkeit der Wüste" entdeckte, haben Dinge gesehen, die man kaum aussprechen kann, ihr anmutiger Körper wird bis ans Lebensende den Schmerz in sich tragen.

Waris Dirie spricht über Verletzungen, die das Schlimmste sind, was eine Frau sich vorstellen kann. Sie wuchs in einer Nomadenfamilie auf, hütete in der Savanne Somalias Ziegen und Kamele. Als kleines Mädchen wurde sie, wie die jahrtausendealte Tradition es verlangt, von einer alten, in diesem blutigen Geschäft erfahrenen Frau ohne Betäubung mit einer Rasierklinge an den Genitalien beschnitten, die Wunde wurde zugenäht, die schrecklichste und extremste „pharaonische" Form der Genitalverstümmelung. Nicht Beschneidung, sagt Waris Dirie: „Das ist so milde. Es ist Folter."

Wer so etwas erlebt und überlebt, der geht entweder seelisch oder körperlich daran zugrunde – Waris Dirie verlor eine Schwester und zwei Cousinen, mehr als hunderttausend Mädchen sterben alljährlich an der Tortur – oder er entwickelt eine besondere Kraft. Waris Dirie ist nicht bloß schön – sie hat eine Stille in ihrem Gesicht, die in Bann zieht, und die von einem starken Willen zeugt.

Ob das der Löwe spürte, als er davon absah, das 13jährige Mädchen zu fressen, mitten in der Savanne? Erschöpft war Waris in der Mittagshitze unter einem Baum eingeschlafen, mutterseelenallein – auf der Flucht vor dem Vater, der sie mit einem alten Mann verheiraten wollte. Eine symbolische Episode zum Beginn des Berichts. „Der Löwe war so nahe, daß ich in der Hitze seinen fauligen Atem roch. Ich sprach zu Allah. ‚Nun ist es vorbei, Herr. Nimm mich zu dir.'"

Tagelang läuft Waris durch die Wüste, schlägt sich bis nach Mogadischu durch zu Verwandten. Mit einem Onkel kommt sie nach London, als Dienstbotin in dessen Diplomatenhaushlat. Jahrelang arbeitet sie von früh bis spät und darf nicht zur Schule gehen. Als die Familie nach Somalia zurückkehrt, vergräbt Waris kurzerhand ihren Paß, bleibt ohne Geld und Wohnung allein zurück. Sie jobbt bei McDonald's, lernt Englisch, schreiben und lesen, genießt die Freiheit. Und dann hat sie Glück: Ein Photograph, dem schon das Dienstmädchen am Schultor der Cousine aufgefallen war, photographiert sie; kurz darauf porträtiert Donovan sie für den Pirelli-Kalender – Diries steile, internationale Karriere beginnt.

Wie eine Wunde, die sich nicht schließt, hat Waris Dirie ihr trauriges Geheimnis lange Zeit mit sich herumgetragen. Noch im Haus des Onkels begreift sie, daß sie „anders" ist als ihre (noch) unbeschnittenen Cousinen, die nicht die gleichen Beschwerden beim Urinieren, während des Menses haben wie sie. Aus Scham bricht sie später Freundschaften zu jungen Männern ab. Bis zu dem Entschluß, offen über ihre intime Qual zu reden, vergehen Jahre. Seitdem sie einer erschrockenen Journalistin ihre Geschichte erzählt hat, engagiert sich Waris Dirie im Kampf gegen Genitalverstümmelung. „Ich tue dies für jene, denen es an Kraft oder Stärke fehlt, um sich davor zu schützen", sagt sie in einem Interview: „Wer sollte es machen, wenn nicht ich? Die Frau in der Wüste wird nicht kämpfen." Als Sonderbotschafterin der Uno reist sie heute durch Afrika, geht in die Dörfer, um mit den Müttern zu sprechen, sie davon zu überzeugen, daß der blutige Brauch kein gottgegebenes Gesetz ist.

130 Millionen Frauen, deren Genitalien verstümmelt wurden, leben in Afrika. Jedes Jahren kommen zwei Millionen hinzu, 6000 pro Tag. Wie unbittlich der Druck der Familie sein kann, wenn es darum geht, die überlieferte Sitte durchzusetzen, erlebte auch die junge Togolesin Fauziya Kassindja. Am Vorabend ihrer erzwungenen Hochzeit flieht sie vor der drohenden Beschneidung zunächst nach Deutschland, später in die USA. Dort sperrt man sie 17 Monate lang wie eine Verbrecherin ins Gefängnis, zweifelt ihre Geschichte an. Die amerikanischen Behörden messen afrikanische Wirklichkeit an den Maßstäben der amerikanischen Gesellschaft: Der togolesische Staat, heißt es da, solle doch die junge Frau vor der drohenden Verstümmelung schützen. Daß zwei Drittel der Frauen Togos beschnitten sind, Genitalverstümmelung eine Verletzung der Menschenrechte ist (wie zur gleichen Zeit WHO, Unicef und andere Organisationen 1995 auf der Pekinger Weltfrauenkonferenz statuieren), beeindruckt die Behörden zunächst wenig. Wenn nicht die Juraprofessorin Karen Musalo und eine couragierte Studentin Fauziya Kassindjas „Fall" an die Öffentlichkeit getragen hätten, wäre die junge Frau vermutlich ausgewiesen und nach Westafrika zurückgeschickt worden. Ihre Lebensschilderung entstand wie die von Waris Dirie mit der Hilfe eines Ghostwriters – das Buch von Waris Dirie ist freilich nüchterner, weniger klischeeaft.

Nach einer zermübenden Odyssee durch verschiedene amerikanische Haftanstalten wird Fauziya Kassindja freigelassen, erhält schließlich Asyl. Nun kann sie ihre Mutter wiedersehen, die nach dem Tod des Vaters von dessen Familie verstoßen worden war, mittellos, ohne Möglichkeit, ihrer Tochter zu helfen.

Ist drohende Beschneidung von Frauen in Deutschland Asylgrund? Ja, entschied 1995 ein Richter am Verwaltungsgericht Magdeburg. Die Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes" hofft, daß das Beispiel Schule machen wird. Der Bundestag verabschiedete vergangenes Jahr eine Resolution, nach der Frauen, die von Genitalverstümmelung bedroht sind, in Deutschland künftig Schutz erhalten sollen – aber kein dauerhaftes Asyl. Die weibliche Beschneidung gilt als schwere Körperverletzung, die mit Freiheitsstrafen bis zu zehn Jahren geahndet wird. In Togo selbst steht rituelle Beschneidung seit Herbst vergangenen Jahres unter Strafe. Sogar Fauziya Kassindjas Familie hat sich inzwischen dagegen ausgesprochen. Doch der Prozeß des Umdenkens wird lange dauern.

„But aren't you oversexed?" fragte einmal eine sudanesische Frau ihre französische Gesprächspartnerin, eine Soziologin. Gegen solche Mißverständnisse helfen nur Aufklärung, Wissen, Information. Inzwischen hat Elton John die Filmrechte an Waris Diries Geschichte erworben.

BETTINA EHRHARDT

WARIS DIRIE: Wüstenblume. Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Jendricke, Christa Prummer-Lehmair, Gerlinde Schermer-Rauwolf, Barbara Steckhan. Schneekluth Verlag, Augsburg 1998. 348 S., 39,80 Mark.

FAUZIYA KASSINDJA: Niemand sieht dich, wenn du weinst. Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Karl Blessing Verlag, München 1998. 508 S., 44,90 Mark.