Die Wacht der Frauen
Gemeinsam philosophieren: Julia Kristeva und Catherine Clement
Die philosophierenden Frauen haben es nicht leicht, auch in Frankreich nicht, dem Land der Aufklärung – schon Molière lässt seine wissbegierigen Précieuses ridicules gelehrt über „Philophie" parlieren. Zur kleinen, aber wehrhaften Gattung in diesem Lande gehören seit den Zeiten der (post-)strukturalistischen Literaturzeitschrift Tel Quel die Linguistin und Psychoanalytikerin Julia Kristeva und ihre Freundin, die Philosophin und Religionswissenschaftlerin Catherine Clément. In ihren Essays und Romanen rühren sie an Unaussprechliches – die Mysterien der Liebe und des Glaubens, die Geheimnisse von Ekstase und Trance, Fremdheit und Identität, Normalität und Wahnsinn. Und immer wieder die Frage nach der Dekonstruktion der (männlichen) Ordnungen durch das subversive Potential des „Weiblichen" – als Metapher für alles Verdrängte, Unbewusste, Unheimliche.
Zwei Philosophinnen, zwei Freundinnen. Sie kennen sich seit dem Ende der sechziger Jahre, sie teilen theoretische Positionen, politisches Engagement und Lebenserfahrungen („der Mutterschaft, des Romans, des Nomadentums") – und die Lust am Gespräch. Gemeinsam nahmen sie sich eines Tages vor, „dem Wesentlichen nachzugehen": dem, „was uns seit jeher beschäftigte, ablesbar an unserer Laufbahn als Intellektuelle und Romanschriftstellerinnen am Saum des Unbewussten und der gesellschaftlichen Bindung, und dem das nahe Ende des zweiten Jahrtausends brennende Aktualität verlieh: das Sakrale".
Dunkle Kontinente, mehrfach miteinander verbunden: Ein knappes Jahr lang tauschten Kristeva und Clément in Briefen zwischen Amerika, Afrika und Europa Einfälle und Beobachtungen aus über „das Heilige und das Weibliche" – so der Titel der französischen Originalausgabe. Ein zweistimmiges Nachdenken mit offenem Ausgang, das einen programmatischen Fluchtpunkt hat: „Das Aufwachen der Frauen im nächsten Jahrtausend." Der Leser hat Teil an der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Schreiben, Annäherungen an jene „Erfahrung am Kreuzungspunkt von Sexualität und Denken, Körper und Sinn, welche die Frauen ganz intensiv machen, aber ohne sich sonderlich damit zu beschäftigen."
Anders als etwa für den Literaturwissenschaftler René Girard ist le sacré für Kristeva und Clément nicht die Kehrseite gesellschaftskonstituierender Gewalt, sondern Utopie noch nicht verdinglichter Erfahrung, im Sinne einer sensualistischen Philosophie des Augenblicks, wie sie in Frankreich seit Condillac Tradition hat – eine Verheißung, ein Versprechen. Husserl und Heidegger, Merleau-Ponty und Bachelard, vor allem aber Georges Bataille geistern durch die Briefe der Frauen. Wie artikuliert sich das Heilige, wie ringen Mystiker, Philosophen und Künstler um Ausdruck, in welchen Ritualen und Krankheiten bricht das Sakrale in die Ordnung der Welt ein?
Die Autorinnen bemühen das halbe Abendland und die Weltreligion dazu: Psychoanalyse, Ethnologie, Philosophie, Mystik und Literatur – eine Flut von Lektüren, die eigenen Publikationen und das gelebte Leben. Vertraulich, aber auch polemisch ist der Ton der Briefe, zuweilen auch „ungeduldig und gereizt", nie langweilig. (Die Leichtigkeit des Parlando ist in der manchmal etwas umständlichen Übersetzung nicht durchgehend gewahrt.) Nicht Analyse und Definition sind das Ziel, sondern ein dialogischer „Zustand des Empfindens", in dem Gedanken erst in der Entstehung begriffen sind: Wenn Clément von ihren Beobachtungen der Trance im animistischen Afrika und im Candomblé Brasiliens berichtet, fallen Kristeva die in sich ruhenden afro-amerikanischen Frauen ein, die „sanften Madonnen" in New York, die sie mit leisem Neid beschreibt.
Natürlich entgeht man da nicht immer dem Klischee: Den Numinosen, suggerieren die beiden, sind Frauen offenbar näher als die Systembewahrer, die Männer. Authentisches Sein finde in der Hingabe statt, im Augenblick des Außer-sich-Seins, der „Durchlässigkeit" (als Umkehr von Lacans, des Lehrers von Kristeva: „Ich denke, also bin ich nicht") – eine Theorie der Subjektivität über den Genuss. Das kulminiert in der rhetorischen Frage an den Leser, in der auch „das Weibliche" der Männer miteinbezogen ist: „Und wenn das Sakrale jene unbewusste Wahrnehmung wäre, die der Mensch von seiner nicht auszuhaltenden Erotik hat …?"
BETTINA EHRHARDT
CATHERINE CLÉMENT, JULIA KRISTEVA: Das Versprechen. Vom Erwachen der Frauen. Aus dem Französischen von Bernd Mattheus. Verlag Matthes & Seitz, München 2000. 264 S., 49,80 Mark.