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Buchkritik Süddeutsche Zeitung

Teufel des Sertão

Carlos Nascimento Silvas Debut: Brasilien in neun Generationen

Mitten im Leben beginnt der Roman. Mitten im Satz. Zwei zwölfjährige Mädchen unterhalten sich über die rauhen Liebesrituale im Tierreich. Ob es bei den Menschen anders sei? Mariana ist „Ama", die Herrin; die Mestizin Celeste ihre Sklavin. Von ihr, „Miúda", der „Kleinen" erwartet Mariana bedingungslose Unterwerfung, absolute Hingabe. Aus der sozialen Überlegenheit zieht sie auch sinnlichen Lustgewinn, und die gedemütigte Dienerin läßt es sich gern gefallen. Die Kinderfreundschaft mündet in eine lebenslange erotische Beziehung. Doch „das Leben", läßt Carlos Nascimento Silva seine frühreife Heldin Mariana philosophieren, „ist Schweiß, Blut, Spucke, Pisse, Kot und Kotze …"

Eigentlich wollte der sechzigjährige Literaturwissenschaftler Nascimento Silva historische Forschung über die Zeit der portugiesischen Kolonialherrschaft und das brasilianische Kaiserreich treiben, eine Mentalitätsgeschichte der Brasilianer schreiben, angelehnt an Vorbildern wie Euclides da Cunha, Gilberto Freyre oder Sérgio Buarque de Holanda – doch dann wurde ein Roman daraus, sein erster. Ein Familienepos über neun Generationen in gut zwei Jahrhunderten, das – mit Rückblenden und parallelen Erzählsträngen – die Epochen von der Besiedlung des Landesinneren über den Unabhängigkeitskrieg bis zum Krieg des Kaiserreichs gegen Paraguay, schließlich den Wandel der brasilianischen Gesellschaft bis an die Schwelle der Industrialisierung umfaßt. Von der brasilianischen Presse wurde A Casa da Palma hymnisch gefeiert, mit García Márquez' „Hundert Jahre Einsamkeit" verglichen und vom brasilianischen Schriftstellerverband ausgezeichnet.

Die Geschichte spielt im brasilianischen Nordosten, im Sertão, jener trockenen Buschgegend, in der seit Generationen Rinder gezüchtet werden. Dorthin kommt Mitte des 18. Jahrhunderts Bartholomeu Sodré, der portugiesische Stammvater des künftigen Geschlechts. Er ist ein Mann mit besonderen Fähigkeiten, die er nicht zuletzt der Initiation durch die Bantu Angolas verdankt, wohin sein Vater ausgewandert war. Vielleicht spielt Silva auf inzestuöse Schöpfungsmythen an, wenn er Bartholomeu seine Halbschwester zur Gattin gibt – deren junge Mutter der eigene Vater dem Sohn zuvor ausgespannt hatte. Vielleicht wollte er einfach nur ein erotisches Motiv an den Anfang setzen, das eine lange Reihe von Gewagthriten (männliche Phantasien?) anführt: Derselbe Bartholomeu entjungfert Tochter und Enkelin, die Tochter liebt den unehelichen Halbbruder, die Enkelin (Mariana) ihre Sklavin, die auch eine Halbschwester ist, usf. Die Liebe findet meist männlich rau, brutal fordernd statt, mit Sado-Maso-Aspekten. Aus der Kultur der Ungleichheit, der Spannung zwischen Herrenhaus und Sklavenhütte, Männern und Frauen, den „Starken" und den „Schwachen", zieht solche Erotik ihren Stoff.

Sogar der Teufel kommt ins Spiel; er hat Züge des phallisch-afrikanischen Halbgottes Exù, des Götterboten, und ist im übrigen aber christlich gedacht: Sexuelle Begierde, gerade da, wo sie am stärksten ist, muß des Teufels sein. Die Besessenheits-Metapher der afro-brasilianischen Religion wird hier ins Blasphemische verkehrt: Da sodomisiert der Teufel leibhaftig den Unglücklichen, der sich in seine Höhle wagte, die brünstige Frau wird von ihm geschwängert, gebiert den nächsten Bösewicht. So eng preßt der Autor seine Figuren ins Korsett ideologischer Klischees, daß am Ende nur blutleere Hülsen zurückbleiben. Mit João Guimarães Rosas großem Sertão-Roman (an den manche Motive erinnern), mit Jorge Amados oder João Ubalda Ribeiros hinreißend vitaler Erotik, ihrer Mythos, Historie und Fiktion furios verschränkenden Erzählkunst haben Nascimento Silvas Szenarien wenig gemein.

Der Leser spürt das hybride Schreib-„Interesse" des Autors, der zwischen Roman und historischer Abhandlung schwankt: Zu oft reden die Figuren „wie gedruckt", wird ihnen als Gedanke untergeschoben, was doch des Erzählers auktoriale Gebärde ist, eilen sie von historischem Schauplatz zu Schauplatz, ohne von den Ereignissen wirklich ergriffen, verwandelt zu werden. Was als Authentizität erscheint – eine Unmenge an Reise- und Marschrouten, an abstrakt bleibenden Orten und historischen Daten und Details –, verwirrt zumindest den deutschen Leser: er geht unter in der Flut unklärter Figuren, Persönlichkeiten und Ereignisse, der Aufzählung wechselnder Fronten und Bündnisse. Auch das spärlich bestückte (und bisweilen ungenaue) Glossar ist da keine Hilfe. Nascimento Silvas fehlende Distanz zu den Figuren, die schlichten Mittel realistischer Darstellung, sein von keiner Ironie durchdrungenes Erzählen führen ungewollt in die Trivialität.

Magischer Realismus? Nascimento Silvas zauberkundige Frauen gehören eher der Gothic-Welt an. Sie bewegen sich hellsichtig durch die Generationen, können Gedanken lesen, Gegenstände durch die Luft bewegen; sie wittern Gefahr, erretten aus Todesangst … starke Frauen, die den Mann in Schrecken versetzen. Außerdem sind sie – ein Topos der brasilianischen Literatur – äußerst duldsam, was Nebenfrauen und uneheliche Kinder an geht. „Spannung, Liebe, Haß und Neid" – der Roman wird in Brasilien gerade verfilmt. Der Stoff, aus dem Tele-Novelas sind …

BETTINA EHRHARDT

CARLOS NASCIMENTO SILVA: Das Palmenhaus. Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Ute Hermanns und Fanny Esterházy. Europaverlag, München Wien 1998. 640 S., 46 Mark.