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Reiseseite Süddeutsche Zeitung

Mit allen Abenteuern

Die Elite-Schule Salem demokratisiert sich

Erinnerung an den Tag, an dem Johann von S., der Längste unserer Klasse, mit dick verbundenen Händen zum Unterricht erschien: Er hatte beim "Abseilen" vergessen, die Knoten ins Tau zu knüpfen! "Aussteigen" hieß das Abenteuer lauter Sommernächte, das Schülergenerationen mit Lust erlebten. Gleich duftet es nach frischgemahtem Heu und sattem Waldboden, Forellen (aus den markgräflichen Teichen geraubte, aber der Markgraf mochte ja ohnehin keinen Fisch) garen im Feuer: Schwarz sind die Bäume vor Maikäfern... Der Salemer Tag begann mit dem traditionellen Morgenlauf, wurde im "Schulanzug" verbracht (blauer Pulli, Rock und Hose grau) und endete zehn vor neun mit dem "Zimmerappell" der "Zimmerführerin". Sie nahm es genau: "Was, nicht pünktlich? Ein Pürmi." Die Strafen waren wie eine Währung gestaffelt: Für drei "Pünktlichkeitsminus" gab's ein "Ex", drei Ex wurden mit "Werkarbeit", zum Beispiel in der Küche, gesühnt, oder mit einem Straflauf rund um den Sportplatz. Die Salemer Internatszeit scheint, den Vierzehnjährigen erscheint es so, wunderbar klar geordnet, nüchtern - man wusste, worauf man sich einließ: Kirschenklauen drei Tage Werkarbeit, Rhabarber nur einen Tag, Erdbeeren sechs Tage - immerhin.

Drei Schulen, im Umkreis von zwanzig Kilometern in den Hügelketten des nördlichen Bodensees gebettet, mit insgesamt 500 Schülern, gehören zur "Schule Schloss Salem", die der legendäre Pädagoge Kurt Hahn gemeinsam mit seinem Förderer und Mäzen, Prinz Max von Baden, 1920 gründete. Die Schönheit der Landschaft, der historischen Gebäude tragen zur Erziehungsidee Kurt Hahns bei, der "Erlebnispädagogik": Wenn die Neun- bis Dreizelehnjährigen auf der mittelalterlichen Burg Hohenfels eine Woche lang ein Kreuzzugsdrama aufführen, an dem die ganze Schule mitwirkt, dann verwandelt sich der Ort, dann eilen Knappen und Mägde umher, Fladenbrot wird über offenem Feuer gebacken, Lautenmusik ertönt, und der Schmied beschlägt eines der sechs schuleigenen Pferde nach alter Manier. "Die Kinder lernen am meisten, wenn sie nicht merken, dass sie lernen", kommentiert Otto Seydel den Erfolg seiner Projektwoche "Mittelalter" vor den großen Ferien.

In Salem selbst, in den weitläuftigen Gebäuden der ehrwürdigen Zisterzienserabtei, der größten der drei Schulen, ist die Mittelstufe untergebracht. Ein kleiner Staat entsteht, an dessen Einrichtungen die Schüler mitwirken: "Ohne die Mitarbeit der Schüler", sagt Bernhard Büb, Leiter der gesamten Schule Schloss Salem, "würde der Internatsbetrieb zusammenbrechen." Alle Verantwortlichen (und das ist der Unterschied zu Hahns Modell, bei dem die Schulleitung ein Amt verlieh wie einen Orden), werden heute gewählt. Und solche Wahlen, wie die der beiden Schulsprecher, sind spannende "politische" Ereignisse.

Ideal des "fair play"

Hahns praktische Vorbilder waren die englischen "Elite"-Internate, die Ideale des "fair play" und weltmännischen Gelassenheit. Von Anfang an wurden Jungen und Mädchen gemeinsam erzogen. Charakterbildung galt Hahn mehr als schulische Leistung, der "ganze Mensch" sollte sich mit allen Fähigkeiten entfalten können - im Sport, in der Musik, im Theaterspiel ebenso in den handwerklichen "Innungen" und in den "Diensten", bei der Schulfeuerwehr, dem Technischen Hilfswerk und im sozialen Bereich: Einen Nachmittag der Woche verbringen die Schüler auch heute noch in Kindergärten oder Altenheimen, helfen Behinderten, sozial Schwachen, an AIDS Erkrankten. Die letzten beiden Klassen, die sogenannte Kollegstufe, hat auf Schloss Spetzgart, das von der Overlinger Anhöhe aus über den Bodensee blickt, noch weiterreichende Privilegien als die Mittelstufe in Salem. Ein Grossteil der Schüler ist volljährig, und da kann man heute, so der Schulleiter, zum Beispiel das strikte Rauch- und Alkoholverbot, das zu Hahns Zeiten galt, nicht mehr durchsetzen.

Manche dieser Veränderungen gehen den Konservativen unter den Alemannern, jenen, die Kurt Hahns "Lehre" buchstabentreu bewahrt wissen wollen, zu weit. So auch dem Enkel des Internatsgründers, dem jetzigen Prinzen von Baden. Für ihn hat das heutige Salem nichts mehr gemein mit jenem bewusst spartanischen Erziehungsideal der ersten Zeit und seinen Regeln, dem obligaten Kaltduschen, dem "Strafboxen", der täglichen Gewissensprüfung durch den selbstauferlegten "Trainingsplan". Er wünscht sich eine Schule, die den Anspruch, in Salem eine künftige "Führungselite" heranzubilden, in strikte Verhaltensmuster umsetzt - ein Anspruch, den selbst ein Bewunderer Hahns wie Golo Mann als Anmassung und Überschaetzung dessen, was eine Schule leisten könne, kritisierte: "Hahns Pädagogik", schreibt er, "fehlte es an Diskretion." Die Wurzeln des Zwists zwischen den Markgrafen und der Schulleitung liegen in der Vergangenheit: Prinz Berthold, der Vater des Schlosshern, hatte die Statuten des Internatsverein demokratisiert und auf den ererbten Vorstandsvorsitz verzichtet. Der Sohn verlor das erwünschte "Sagen" - und kündigte die Räumlichkeiten. Wird Salem, wenn der alte Pachtvertrag 1999 auslauft, den Ort verlieren, der einst der Erziehungsidee Raum und Namen gab?

Internationaler Anspruch

Die Schule retten und den Schulleiter opfern? Salem geriet in die Schlagzeilen: Stand das "Nobelinternat", die "Prinzenschule" vor dem Aus? Hahns "Erziehung zum Mut" - jetzt musste sie sich erweisen. Und der "Erfahrungsschock" zeitigte Wirkung: Allen, den Schülern wie den Lehrern, der Leitung und dem Internatsverein (dem heute der Altsalemer Eberhard von Kuenheim vorsteht), dem Elternbeirat und der Altsalemer Vereinigung wurde klar, was sie erhalten wollten. Die Chance eines Neubeginns, sagt Bernhard Bueb, hat ungeahnte Kräfte freigesetzt: Der Neubau einer neuen Kollegstufe der beiden Abiturklassen oberhalb Überlingens ist beschlossen - "Salem 2000" heißt das Projekt für 300 Schüler internationaler Provenienz. Nach dem amerikanischen Campus-Modell soll das Salem-College organisiert werden, mit der Möglichkeit des von Hahn initiierten Internationalen Baccalaureats, das schon heute neben dem deutschen Abitur in englischer Unterrichtssprache auf Spetzgart mit Erfolg absolviert wird.

Internationalität gehörte von Anbeginn zu Hahns Erziehungszielen. Zur Zeit kommen etwa fünfzehn Prozent der Salemer Schüler, auch einige Lehrer, aus dem Ausland. Der geographischen Öffnung entspricht die soziale: Vor zwanzig Jahren, sagt Bernhard Bueb, war Salem eine "ungeistige" Schule, in der die Schüler "viel zu unbekümmert Geld ausgaben". Der Elitedünkel verschwindet allmählich. Hahns altes Ziel, zur Hälfte Freiplätze in Salem zu vergeben, ist noch nicht erreicht, aber mehr als ein Drittel der Schüler erhält zur Zeit ein Teil- oder auch Vollstipendium. Salem hat so viele Neuanmeldungen wie nie zuvor. "Wir wählen zunächst den Schüler aus und fragen erst dann, wieviel Schulgeld (3000 Mark kostet Salem im Monat) die Eltern zahlen können." Der Stipendienfond der Kurt-Hahn-Stiftung, unterstützt von vermögenden Altsalemern ebenso wie von der Altsalemer Vereinigung, ermöglicht dies.

Salem sei "wirklichkeitsnaher" geworden, meint Hildegard Hamm-Brücher. Sie unterstützt die Arbeit auch anderer Privatschulen, die bildungspolitische Modelle erproben sollten. Und erzählt dann, was allein das eine Schuljahr in Salem Ende der 30er Jahre für sie, die früh beide Eltern verlor, bedeutet hat: "Nochmal ein Stück Jugendzeit, unbeschwertes Zusammenleben in der Gemeinschaft - das einzige Jahr, das Jugend für mich war, mit allen Abenteuern und allem Ernst."

BETTINA EHRHARDT