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Feuilleton Süddeutsche Zeitung

Madame Lama

Alexandra David-Neel auf Touren

Wer glaubt, wird selig, Endzeitapostel sterben nie aus. Zu verfuhrerisch ist der Gedanke, "an den 'Inseln der Seligen' anzulanden", wie Alexandra David-Neel es ausdrückt. Die 1868 geborene, 1,56 Meter kleine Franzosin, Tochter einer bigotten Mutter und eines anarchistischen Vaters, war die Abenteuerlust in Person: Schon als Kind riss sie von zu Hause aus, "weil ich entdecken wollte, wie die Welt ausserhalb der mir auferlegten Grenzen aussah". Mit 17 marschiert sie von Brüssel aus allein über den Sankt Gotthard ins Tessin, studiert als eine der ersten Frauen an der Sorbonne und am College de France Sanskrit und Chinesisch. Nach dem Bankrott des Vaters wird sie Sopranistin an Opernhäusern in Indochina, heiratet in Tunis einen Ingenieur: 3000 Briefe wird sie ihm in 38, meist getrennt verbrachten Ehejahren schreiben.

1911 bricht Alexandra David-Neel für "ein paar Monate" mit einem Forschungsauftrag des französischen Erziehungsministeriums auf - und bleibt 14 Jahre in Indien, Ceylon, Nepal, Sikkim und Tibet. In einer Einsiedelei im Himalaya auf 4000 Metern Höhe lernt sie Tibetisch, reist mit rußgeschwärztem Gesicht, verkleidet, in Begleitung ihres tibetischen Adoptivsohns, ins verbotene Lhasa und wird als einzige Europäerin in den Stand eines Lama erhoben. Reisen ist ihr Lebenselixier: "Ankünfte habe ich immer als unerquicklich empfunden, falls es sich nicht um eine Zwischenstation handelte, das Vorspiel zu einer erneuten Abreise." Noch mit hundert lässt sie "vorsichtshalber" ihren Pass verlängern.

Die seltsamsten Gestalten begegnen ihr im Laufe ihres Lebens, das sie in über vierzig Büchern festhält. Denn Alexandra David-Neel ist nicht nur eine "militante Buddhistin", wie sie von sich sagt, und Trägerin des Kreuzes der Ehrenlegion, sie gehört auch esoterischen Zirkeln an: der Theosophischen Gesellschaft, der Freimaurern, dem Kreis der Rosenkreuzer. Mehr belusigt als beeindruckt beobachtet sie mit 20 in London das Treiben einer Gnostiker-Gemeinschaft zwischen Sufi-Riten, Kabbala und Isis-Kult: "Stehen Sie auf! Sie sitzen auf einem Meister!" wird da einem Ahnungslosen bedeutet, der auf dem falschen Sofa Platz genommen hatte.

An solche Erlebnisse erinnert sich Alexandra David-Neel kurz vor ihrem Tod 1969, in einem letzten, in Frankreich 1972 posthum erschienenen Buch. Allerlei Illuminierte lässt der "weibliche Sven Hedin" darin Revue passieren, Theosophen, Rosenkreuzer, Spiritisten, tanzende "Pythagoreer" und Jünger der "esoterischen Sphinx", Leute, die das Paradies im Himalaya suchen, und solche, die glauben, vom Mond gefallen zu sein. Fasziniert oder belusigt oder erschrocken, dabei behutsam wie ein Käfersammler, betrachtet sie die Spezies der Seelenabenteurer - Professoren, Gräfinnen, Zugehfrauen: Gegen den Bazillus des Schwärmerischen sind wenige gefeit.

Unter dem sichtbaren Leben der Konventionen scheint ein verborgenes zu brodeln; jedermann hat verschiedene Gesichter; Vernunft und Wahnsinn finden sich unter einer Schädeldecke vereint: "Ich für meinen Teil habe gewiss nicht das Recht, diese Sonderlinge, die sich ausserhalb der Norm verhalten, zu tadeln oder zu verspotten, denn mein ganzes Leben hat aus dem bestanden, was die Mehrzahl der Leute als Extravaganzen bezeichnet." Nicht dem Inhalt der gewagtesten Theorien und Spekulationen gilt ihr Spott, sondern allenfalls der pomposen Sprache, der Leichtgläubigkeit und Wichtigtuerei der Eingeweihten, und Zorn verspürt sie über deren bereitwilligen Unterwerfung unter den Willen eines Meisters. "Der Gehorsam ist der Tod", hatte die 20jahrige geschrieben, "jeder Moment, in dem der Mensch sich einem fremden Willen unterwirft, ist ein Moment, der von seinem Leben abgeschnitten wird."

BETTINA EHRHARDT

ALEXANDRA DAVID-NEEL: Im Banne der Mysterien. Aus dem Franz. von Dagmar Turck-Wagner. Nymphenburger, München 1998, 271 S., 34 Mark.