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Buchkritik Süddeutsche Zeitung

Im Someday-Café

Glas, Bohnen, Papier: Leah Hagen Cohens Ode an die Dinge

„Wohin man seine Augen auch wendet – überall leben unsichtbare Geschichten." Die junge amerikanische Autorin Leah Hager Cohen überfielen solche Erkenntnisse blitzartig, eines Sonntagmorgens bei der Zeitungslektüre an einem Ort mit dem schönen Namen Someday-Café. Vor sich „eine Zeitung, sonntäglich fett, und ein hohes Glas mit dampfendem Kaffee", glaubt sie sich plötzlich mit den Menschen um sie herum eins, erspürt sie die „Besonderheit jedes einzelnen", bricht die Neugier ein in die Geheimnisse des Alltäglichen.

Am verborgensten ist, was offen vor aller Augen liegt: Wer eigentlich hat den Kaffee, den Becher, die Zeitung gemacht? Wo kommen Papier, Glas und Bohnen her? Kinder fragen so und Philosophen, Leute, die sich das Staunen bewahrt haben. Neugierig wird auch Leah Hager Cohen, wenn sie Menschen findet, deren Geschichte und Geschichten jenen Gegenständen unsichtbar innezuwohnen scheinen. Sie führt uns in die Wälder New Brunswicks im Osten Kanadas, wo Brent Boyd Bäume fällt, zu Ruth Lamp, wie sie in der Nachtschicht einer Glasfabrik in Lancaster, Ohio, Produktionsabläufe koordiniert, und nach Mexiko, wo Basilio Salinas in einer genossenschaftlichen Kooperative ökologisch angebauten Kaffee erntet: drei Leben, die im Blick der Autorin zusammentreffen.

In poetisch dicht gefügter Montagetechnik verknüpft sie Reportage, anthropologisch-soziologische Recherche und Reflexion über abstrakte Maße wie Zeit und Geld und fügt dies alles – im Blick auf die Historie und die Mythen vom Stofflichen und seinen Wandlungen – zu einem Buch der „Offenbarungen über die Natur und den Wert gewöhnlicher Dinge" – so der Untertitel des amerikanischen Originals. Inspiriert hat sie dazu Wallace Shawns Monolog „The Fever" über die Beziehungen zwischen Reich und Arm in dieser Welt, den der Schauspieler und Autor („Mein Essen mit André") mitunter in privaten Wohnzimmern aufführte. Ähnlich intensiv behandelt, ja schüttelt Leah Hager Cohen ihr „Material", bis lauter Ideen- und Mentalitätsgeschichten, Klassifikationssysteme, Affekte und Aktionen herausfallen.

Pablo Nerudas „Ode an die Dinge" ist dem Text vorangestellt. Darin heißt es: „Gläser, Messer, Scheren – auf allem findet sich, am Griff, am Rand, eine Fingerspur, die Spur einer entrückten, ins vergessenste Vergessen versunkenen Hand." Die Sinnlichkeit solcher Berührung, die Fülle an Eindrücken und Erlebnissen, Geräuschen, Düften, Blickwinkeln, die jeden Augenblick ihrer „Protagonisten" gestalten, fordert Leah Hager Cohens einfühlende Aufmerksamkeit heraus, und auch ihren Sprachwitz. Denn die Dinge werden zu lebendigen Akteuren: da „flirtet" die mexikanische Sonne mit dem Frühnebel, der „launische Ventilator" in Ruths Büro pustet kalten Wind in den Raum. Auch die Menschen werden porträtiert in ihren Bewegungen, ihrer Art zu sprechen, ihrem Humor, in ihren unverwechselbaren Haltungen, mit denen sie auf alles, was um sie herum geschieht, unbewußt reagieren.

Leah Hager Cohen entdeckt die Aura der Alltagsdinge, das, was sich in den Zeiten hemmungsloser Verfügbarkeit an Spuren von Menschenhand, an Gedächtnis und Signatur verflüchtigt. Sie stellt – ähnlich wie Georges Perec oder Italo Calvino – die Dinge zurück in das Gewebe der Texte, jenes „Netz gekreuzter Linien, die sich überschneiden" (Calvino), das ihre Entstehung begleitetet.

Dem Palimpsest einer solchen animistischen Kulturgeschichte entspricht die Weiterentwicklung der Werkzeuge – der Menschen verlängerte Hand. Im geschlossenen Gehäuse seines Harvesters riecht und hört Brent den Wald nicht mehr wie noch sein Vater, und wenn die Automatisierung voranschreitet, wird jemand wie Ruth nur noch auf den Bildschirm schauen und keine Kontrollgänge mehr in den Brennraum machen – „jenes geheimnisvolle Land …, wo Flüssiges fest wird, wo feurige Elemente so gebändigt werden, daß sie zu Punschbowlen und Tortenplatten erstarren".

Daß die Welt dadurch kälter wird, an Berührungen und Sinneseindrücken ärmer, spricht die Autorin nicht aus, aber sie zeigt es im Entwurf von Basilios Leben: seine Genossenschaft hat die Marktnische des ökologischen Kaffeeanbaus gefunden, im Einklang mit den Lebensweisen der Großfamilie und den Rhythmen der Natur.

BETTINA EHRHARDT

LEAH HAGER COHEN: Glas, Bohnen, Papier. Dinge des Alltags und was sie uns lehren. Aus dem Amerikanischen von Christel Dornhagen. Piper Verlag, München 1998. 354 Seiten, 39,80 Mark.