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Feuilleton Süddeutsche Zeitung

Die Nagelprobe

Haruki Murakamis „Underground" als Theaterprojekt in Berlin

Es fängt harmlos an. Junge Leute stürmen ausgelassen und Karaoke singend die Treppe des noch nicht fertiggestellten U-Bahnhofs am Kanzleramt hinunter. Im dunklen Zwirn die Männer, die Frauen in strengen Kostümen mit weißen Blusen. Bald werden sie sich in Angestellte auf dem täglichen Weg zur Arbeit verwandeln. Zunächst aber sind sie Mick Jagger und Simon & Garfunkel – doch die auf die Wände des U-Bahn-Schachts projizierten Liedtexte wirken prophetisch: „This is not what you see", „Do you really want to hurt me" und „I can't get no satisfaction".

Am 20. März 1995 ereigneten sich auf fünf Linien der Tokyoter U-Bahn zeitgleich Giftgas-Anschläge, die zwölf Menschen töteten und Tausende verletzten. Das Verbrechen, verübt von Mitgliedern der Aum-Sekte, und das Erdbeben in Kobe zwei Monate zuvor bewogen den japanischen Schriftsteller Haruki Murakami, aus Los Angeles, wo er damals lebte, nach Japan zurückzukehren. Er sprach mit Opfern und Tätern und fasste die Zeugnisse in einem Buch zusammen. Diesen aufwühlenden Bericht, eine Suche – darin den Romanen Murakamis vergleichbar – nach den verborgenen Zusammenhängen eines großen Rätsels, setzen die Regisseurin Kazuko Watanabe und ihre deutschen und japanischen Schauspieler unter dem Titel „Underground" beim Berliner Festival In Transit in Szene. Der Raum wird zur Metapher des Bewusstseins, Murakamis Einsicht folgend: „Man könnte sich die Welt, in der wir leben, als Haus vorstellen. Da gibt es ein Erdgeschoss, einen ersten Stock, einen Keller. Aber meine Überzeugung ist, dass sich unterhalb des Kellers ein weiterer Keller befindet. Wenn wir wirklich wollen, können wir ihn betreten. Jeder hat seinen persönlichen Darkroom; und zwar in sich selbst."

Herzschlag des Untergrunds

In unmittelbarer Nähe zu den Folterkellern der Nazis bekommt die Frage nach den Schatten in uns noch einen anderen Sinn. Der wahnsinnige Traum des Sektengründers Shoko Asahara und die Überzeugung der Täter, zum Wohl der Menschheit zu handeln, machten aus Menschen willenlose Werkzeuge. Am meisten verstöre sie, sagt Kazuko Watanabe, dass die Aum-Leute mordeten, weil sie an eine vermeintlich bessere Zukunft glaubten, sie wollten ihre Opfer aus einem beengten, elenden Angestelltenleben „erlösen". Watanabes Figuren agieren auf der gesamten Länge des zukünftigen Bahnsteiges, ihre Gesichter werden zusätzlich an die Wände projiziert, die lang gezogenen Glissando-Geräusche einer einfahrenden U-Bahn sind montiert zu Herzschlägen, Uhrticken, zu Musik von John Zorn und den melancholischen Klängen der japanischen Shakuhachi-Flöte. Der Rhythmus des Spiels und der Szenenabfolge funktioniert noch nicht immer, an manchen Stellen wird die Inszenierung zum puren Hörspiel, dennoch addieren sich die Ausschnitte aus Murakamis Gesprächen mit Tätern und Opfern zu einem Kaleidoskop verstörender Bilder, Vexierbildern von großer Suggestion und Vielschichtigkeit zugleich.

Eindringlich zwischen Trauer und der Erinnerung an unbeschwerte Tage wechselnd die junge Judith Engel, die die Frau eines getöteten Opfers darstellt, in verschiedenen Opfer- und Täterrollen Bibiana Beglau und Ilka Teichmüller: „Nicht mehr selbst denken und entscheiden zu müssen war das wichtigste Motiv. Alles anderen überlassen zu können. Nur Anweisungen auszuführen", beschreibt eine Sektenanhängerin ihre Sehnsucht nach einer überschaubaren, einfach geformten Welt. Der Konformismus der japanischen Gesellschaft, die Individualität kaum duldet, ist eines der Hauptthemen des Schriftstellers Murakami; in ihm erkennen er und Watanabe eine der Ursachen von Terrorismus und Fundamentalismus. „Wenn ein Nagel heraussteht, dann klopf ihn ein" lautet ein japanisches Sprichwort.

BETTINA EHRHARDT